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Kalkilia – Oktober 2012 Drucken

Aus logistischen Gründen verbringe ich die Nacht in Ramallah. Am frühen Morgen werden wir, Ribhi Yousef und ich von dem orts- und sachkundigen Salah, einem Mitarbeiter des palästinensischen Politikers Dr. Mustafa Barguthi, nach Kalkilia gefahren. Wir fahren in den Nordwesten des Landes an die einst dichteste Grenze von 1948, also fast an die so genannte grüne Linie und können die Mittelmeerküste von den Bergen aus sehr gut sehen. Die Straßen führen uns immer wieder an den von Olivenhainen dicht bepflanzten Terrassen vorbei. Überall sehen wir Menschen, die gerade die Oliven ernten und sie auf Plastikfolien sammeln. Leider überfallen immer wieder jüdische Siedler die Olivenpflücker oder beschlagnahmen ihre Ernte. Außerdem kommt es aber auch immer wieder vor, dass sie alte Bäume fällen oder entwurzeln oder sie sogar in Brand setzen. 


Das Gelände, durch das wir fahren, zählt zu der so genannten C-Zone, die Israel ausschließlich für sich beansprucht. Aus diesen Gründen befinden sich hier auf den strategisch günstig gelegenen Höhen und Bergen jüdische Siedlungen unterschiedlicher Altersstufen. Erstaunlicherweise sieht man um die gerade neu gebauten Siedlungen alte Baumbestände, als seien sie immer da gewesen. Wer die Gebiete und die landwirtschaftliche Nutzung aber gut kennt, stellt schnell fest, dass es sich nur um Umpflanzungen alter Baumbestände handelt, die von palästinensischen Feldern geraubt worden sind.

Auf dieser Strecke sieht man die neuen Straßenabzweigungen, die nur von jüdischen Siedlern befahren werden und die Siedlungen miteinander verbinden. Auf den Kreuzungen befinden sich israelische Kontrollen, die ihre Präsenz durch bewaffnete Soldaten und Militärfahrzeuge dokumentieren. Das israelische Militär ist durch die Zerstückelung der palästinensischen Gebiete in der Lage, jedes einzelne Haus in jeder palästinensischen Ortschaft innerhalb von weniger als 7 Minuten zu erreichen und von der Außenwelt gänzlich abzusperren. Diese Beeinträchtigungen und diese Maßnahmen versetzen uns immer wieder in Trauer und Wut, dabei vergessen wir, dass wir eine wunderschöne Strecke fahren!

Kaum in Kalkilia angekommen, sehe ich einen auf der Einfahrtsstraße in die Stadt längst liegenden Stacheldraht. Unser Begleiter klärt uns auf: diese Straße sei die einzige Einfahrt nach Kalkilia, das gänzlich von der israelischen Trennmauer umgeben ist und gänzlich von der Außenwelt abgeschnitten war. Gerade hier stünde sonst ein elektrisches Eisentor, das auf internationalen Druck dann doch abgebaut wurde. Bei Bedarf wird nun der Stacheldraht von israelischen Soldaten als Sperre benutzt. In diesem Falle werden 45.000 Einwohner praktisch zu Gefangenen eines riesengroßen Gefängnisses. Die landwirtschaftlichen Flächen der palästinensischen Einwohner liegen nun zwischen der Mauer und der grünen Linie und werden von Israel kontrolliert.

Nach einem Empfang im Rathaus stellt uns die Stadt Kalkilia eine Mitarbeiterin zur Verfügung, die uns dann die Mauer um die Stadt erklärt. Da heute Samstag ist, ist das einzige Übergangstor, das zu den umliegenden Feldern führt, wegen des jüdischen Feiertages geschlossen und daher gänzlich leer.

An jedem anderen Morgen um 4:00 Uhr stehen hier etwa 8.000 Menschen in engen Reihen und warten auf Durchlass, um auf die Seite jenseits der Mauer zu gelangen, die die Stadt von der so genannten grünen Linie trennt. Diese Menschen wollen entweder auf der anderen Seite zur Arbeit oder zu ihren eigenen Feldern gehen, um sie zu beackern, zu bewässern oder abzuernten.

Alle Menschen, die hier um Durchlass kommen, haben ihre Anträge bereits vorher gestellt und genehmigt bekommen, dennoch kommt es täglich vor, dass viele ohne Nennung von Gründen zurückgewiesen werden, um am darauf folgenden Tag ihr Glück erneut zu versuchen. Wir fahren an der mehr als 8 Meter hohen Mauer entlang, die regelrecht einen Ring um die Stadt macht, der dann nur von der vorhin beschriebenen Ein- und Ausfahrtstrasse durchbrochen wird.

Israel kontrolliert jegliche Bewegung von hohen Türmen mit Personal und elektronischen Kameras und beansprucht eine 300 Meter breite Zone an der Mauer entlang innerhalb der Stadt, die weder bebaut noch beackert oder gar von der palästinensischen Stadtverwaltung gepflegt werden darf. Auf unserer Erkundungstour macht uns unsere Begleiterin auf ein Haus aufmerksam, das innerhalb dieser Zone bereits vor dem Mauerbau gestanden hat und nun vom Abriss bedroht ist. Das Haus dahinter, das etwas höher liegt, wurde für Friedensaktivisten zur Beobachtung der Mauer von dem Eigentümer freigegeben. Israelische Soldaten haben dem Besitzer vor kurzem die Benutzung des Daches für Touristen und für die eigene Nutzung untersagt und drohen bei Nichtbefolgung mit dem Abriss des Hauses, obwohl es auf dem Stadtgebiet Kalkilias steht

 

Am Ende unserer Besichtigung werden wir Zeugen, wie ein Bauer, der von seinem Feld jenseits der Mauer in die Stadt zurückkehren will, sein Pferd vor dem Tor zurück lassen muss, obwohl er seit Wochen samt Pferd rein und raus gelassen wurde. Als ich selbst den jungen Soldaten nach dem Grund frage, gibt er keinen an, sondern will wissen, woher ich komme. Zu unsere Überraschung und Belustigung kennt er weder Jordanien noch Amman! 

 

Nazih Musharbash

 

 

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