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Telefonisches Interview mit Prof. Fawas Abu Sitta, Hochschullehrer an der Al Ashar-Universität in Gaza.
 
Prof. Abu Sitta konnte am 20. Januar die Fragen von Hakam Abdel-Hadi nur per Handy beantworten, da sein Telefon durch die Folgen des israelischen Bombardements nicht funktionsfähig war. Zum Zeitpunkt des Anrufs war er dabei, kleine Reparaturen in seinem stark beschädigten Haus durchzuführen. Frage: 22 Tage Angriffe auf Gaza zu Wasser, zu Lande und aus der Luft, die Tausende von Verwundeten und Toten sowie massive Zerstörungen verursacht haben; zunächst eine persönliche Frage: Prof. Abu Sitta, wie geht es Ihnen und Ihrer Familie? Haben Sie alles gut überstanden?

Antwort: Mir geht es nicht gut. Mein Haus wurde indirekt durch die Bombardierung der nahe gelegenen Ministerien stark beschädigt. Sie rufen mich an zu einem Zeitpunkt, wo ich versuche, aufzuräumen, die Wände, Fenster usw. in Stand zu setzen und von den Möbeln und sonstigen Einrichtungsgegenständen zu retten, was zu retten ist. Es ist keine leichte Aufgabe, da die notwendigen Baustoffe und Materialien unter die Blockade fallen und nicht auf dem Markt vorhanden sind. Dennoch geht es mir nicht so schlecht, wenn ich mich mit Tausenden von Bürgern vergleiche, die Familienmitglieder und ihr Ganzes Hab und Gut  verloren haben. Es ist unbeschreiblich, was 1,5 Millionen Menschen auf einem kleinen Fleck Erde erleiden mussten: Tausende von Toten und Verwundeten, Darunter viele Kinder, Frauen und alte Menschen. Es gibt kaum eine Familie, die in diesen drei Wochen keine herben Verluste hinnehmen musste.

Frage: Wie sieht Ihre unmittelbare Nachbarschaft aus? Ist die Lage so dramatisch wie in Deutschland kurz nach dem 2. Weltkrieg?

Antwort: Ich wohne in der Nähe von drei Ministerien: Dem Finanz- und Arbeitsministerium sowie dem Ministerium für Planung und internationale Zusammenarbeit. Dieser Gebäudekomplex, in dem die drei Ministerien untergebracht sind, wurde während der Herrschaft der Autonomiebehörde von den europäischen Geberländern und Japan mit hochwertigen Baumaterialien erbaut , und deswegen wurden gewaltige Bomben auf sie abgeworfen. Ihre Zerstörung dehnte sich auf alle Häuser und Wohnungen in dem Viertel aus. Da ich auch unweit von diesen Ministerien wohne, wurde mein Haus durch die Wucht der Explosionen stark beschädigt, und die nördlichen Wände des 4.stöckigen Hauses wurden weitgehend zerstört. In diesem Teil des Hauses wohnt meine Familie, meine Mutter und Brüder. Also, die Vergleichbarkeit mit den Zerstörungen in Deutschland nach dem Weltkrieg gilt vor allem für die öffentlichen Gebäuden und für die Häuser und Wohnungen in der  Umgegend.

Frage: Wir lesen in den deutschen Zeitungen, dass Tausende von Menschen in Gaza obdachlos geworden sind. Können Sie nähere Angaben darüber machen?
 
Antwort: Es geht nicht nur um  Häuser und Wohnungen, sondern auch um die Zerstörung der Infrastruktur, der Wasser- und Stromleitungen sowie Strassen etc. Neutrale internationale Organisationen berichten über die Zerstörung von 16.000 Häusern in Gaza, wovon 4.000 dem Erdboden gleichgemacht sind. Die anderen 12.000 müssen erst wieder bewohnbar gemacht werden, aber da fehlt es - bedingt durch die 1,5 jährige Blockade – an Aluminium, Zement, Glas und anderen Baustoffen. Es ist also nicht damit zu rechnen, dass die Bewohner in nächster Zeit in ihren Häusern leben können.

Frage: Wie ist die derzeitige Versorgung in den Krankenhäusern, die während der Angriffe stark überlastet und unterversorgt waren?

Antwort: Das Krankenhauswesen wäre beinahe  zusammengebrochen, wenn die Waffen in der vergangenen Woche nicht geschwiegen hätten. Es ist aber ein wenig besser geworden, da einer begrenzten Anzahl von arabischen und europäischen Ärzten  endlich gestattet wurde, die Grenze zu passieren und ihren erschöpften Kollegen zu helfen. Nach wie vor ist aber die Versorgungslage in den Krankenhäusern mangelhaft, da wichtige Medikamente und Geräte fehlen. Dazu kommt, dass die Ärzte durch den israelischen Einsatz von bisher unbekannten Bomben mit  Verwundungen zu tun haben, die den Ärzten bisher nicht bekannt waren. Diese neuen wirkungsvollen Waffen wurden erstmalig in Gaza gegen  Zivilisten ausprobiert. Man kann zusammenfassend sagen, dass die Lage in den Krankenhäusern immer noch kritisch ist.

Frage: Der arabische Sender Al Jaziera zeigte eine hohe Anzahl von ägyptischen, italienischen und griechischen Ärzten, die keine Erlaubnis von den Ägyptischen Behörden erhielten, durch den Rafah-Zugang nach Gaza zu passieren. Hat sich diese Lage grundlegend geändert?

Antwort:
Ja, es handelte sich in den ersten zehn Tagen der Kämpfe um etwa 60 arabische und europäische Ärzte, aber leider nur wenigen von ihnen ist es bisher gelungen, nach Gaza zu kommen.
 
Frage: Zurück zum Schicksal der Zivilisten. Die Sprecher der israelischen Armee sagen, die Soldaten seien gezwungen gewesen, auf zivile Einrichtungen zu schießen, weil die Hamas-Kämpfer daraus geschossen hätten. Was sagen Sie dazu?

Antwort: Dieses Argument hören wir von Israel seit den Massakern, die 1948 stattfanden, z.B. in Deir Jassin. Zweifellos gab es den einen oder anderen Fall, wo Hamas-Kämpfer von zivilen Gebäuden aus operierten, aber das Gegenfeuer der Israelis war in allen Fällen unverhältnismäßig. Wir haben noch nicht davon gehört, dass die Briten beispielsweise bewaffnete Aktionen der IRA in London damit beantwortet hätten, dass die britische Luftwaffe Nordirland bombardierte. Wenn von einer Kalashnikow ein Schuss auf einen Panzer abgefeuert wird, dann ist dies noch lange keine Rechtfertigung dafür, dass die Häuser einer Straße dem Erdboden gleichgemacht werden.

Frage: Jetzt komme ich zu einem Thema, das weltweit heftig diskutiert wird und umstritten ist: Hat dieser israelische Angriff Hamas gestärkt oder geschwächt?

Antwort:
Es ist nicht ganz klar, ob dieser Krieg die Position von Hamas bei der Bevölkerung verbessert hat oder nicht. Es hängt davon ab, wie Hamas sich zur Frage der nationalen Einheit verhält. Wenn sie sich für die Überwindung der Spaltung zwischen ihr und Al Fatah einsetzte, dann könnte dies zu ihrer Stärkung beitragen, aber wenn sie sich wie bisher gegen die nationale Einheit stellt, dann wird sie eher geschwächt. Das gilt auch für die Al Fatah. Die Palästinenser erwarten nämlich, dass die nationale Einheit wieder hergestellt wird.

Frage: Rechnen Sie damit, dass der Waffenstillstand eingehalten wird und hat der Frieden nach diesen blutigen Auseinandersetzungen noch eine Chance?

Antwort: Ja, ich rechne damit, dass der Waffenstillstand sich bewähren kann, aber nur, wenn Israel endlich die Blockade gegen die Bewohner von Gaza aufhebt. Diese Blockade führte ja bekanntlich zur Verschärfung der Lage und zu diesen militärischen Auseinandersetzungen. Die Zugänge nach Gaza müssen also geöffnet werden.

Zur gesamten Palästina-Frage ist zu sagen: solange die nationale Frage des palästinensischen Volkes nicht geregelt ist, wird Israel Vorwände finden, um uns wie bisher anzugreifen. Nur eine Regelung dieser Frage kann einen umfassenden und gerechten Frieden herbeiführen. Das kann nur geschehen, wenn Israel die Siedlungen in der Westbank räumt und einen souveränen palästinensischen Staat in der Westbank und im Gazastreifen akzeptiert.
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