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Friedensdemonstration in Ni`lin – 12. Oktober 2012 Drucken

Wir, Ribhi Yousef, der seine Heimatstadt Nilin zum ersten Mal seit 1967 besucht, sein Verwandter, der orts- und sachkundiger Palästinenser Salah und ich verlassen Ramallah gleich nach dem Frühstück und fahren mit dem Auto Richtung Nordwesten. Unsere Strecke führt uns von der palästinensischer  Autonomie unterstellten Zone A abwechselnd in die Zonen B (palästinensisch verwaltet, aber israelisch kontrolliert) und C (israelisch verwaltet und kontrolliert), vorbei an etlichen jüdische Siedlungen unterschiedlichen Alters nach Ni`lin.

  

All diese Siedlungen sind auf den strategisch besten Stellen der Berge gebaut und sind durch eigens für sie gebaute neue Straßen erreichbar, die Palästinenser nicht benutzen dürfen. Mittlerweile liegen diese Siedlungen so dicht beieinander, dass jeder Laie erkennen kann, dass sie eines Tages einen Würge-Ring um die im Tal gelegenen palästinensischen Dörfer bilden werden.

Wir fahren vorbei an einfachen palästinensischen Bauern, die mit ihren Familienmitgliedern die Olivenernte einbringen, wohl wissend, dass ihnen eines Tages diese ihre Bäume nicht mehr gehören werden. Die zum Teil sehr aggressiven jüdischen Siedler in diesem Gebiet sind für ihre Angriffe auf palästinensisches Eigentum sehr bekannt. Sie untersagen Palästinensern das Erreichen ihrer Felder, sie nehmen ihnen oft die frisch gesammelten Oliven einfach weg, reißen Olivenbäume ab oder setzten sie sogar in Brand. 

Ohne die sachkundige Begleitung von Salah wären wir nicht so schnell zu unserem Ziel gekommen, denn die israelischen Straßen weisen lediglich auf israelische Ortschaften und Siedlungen hin. Die Namen der arabischen Dörfer sollen aus dem Gedächtnis der israelischen Bevölkerung gänzlich verschwinden, so Salah. Wir verlassen die Hauptstraße und biegen in die einzige Zugangsstrasse nach Ni`lin ein, die von israelischen Soldaten und lässig auf der Straße sitzenden jüdischen Siedlern kontrolliert wird. Wir erreichen Ni`lin, den Geburtsort von Ribhi und erst jetzt lesen wir auf einem Triumphbogen, dass wir in Ni`lin sind. Ribhi ist emotional sehr gerührt und erkennt bereits das Haus seiner Tante, danach andere des einen oder des anderen Verwandten. Wir halten kurz an einem Laden an und werden von jungen und alten Verwandten und Bekannten von Ribhi begrüßt. Salah macht höflich darauf aufmerksam, dass heute der politische Teil des Besuches sei und tröstet die Verwandten, dass es später einen großen Empfang für den Gast aus Deutschland geben werde.

Es ist Freitag. Und wie an jedem Freitag seit vielen Jahren organisieren die Bürger von Ni`lin, die durch den Bau der Mauer zum zweiten Mal seit 1948 Felder an jüdische Siedler verloren haben und mit weiterer Landenteignung rechnen müssen, eine Friedensdemonstration. Die Demonstration startet, so Salah gleich nach dem Freitagsgebet, das unter den schattigen Olivenbäumen in der Nähe der Mauer stattfindet. Also verlassen wir Ni`lin und laufen an traditionellen Steinmauern und Kaktushecken vorbei.

Ich rieche die mir von meiner Kindheit und Jugend gewohnte Luft und spüre in mir eine gewisse Trauer, all dieses Land, das ich gegen Westen sehe, als beschlagnahmt und bereits verloren zu akzeptieren. 

Wir erreichen die Stelle, an der gleich das Freitagsgebet beginnen soll und treffen in Gruppen sitzende einheimische Männer, verteilt unter den Olivenbäumen, aber auch Vertreterinnen und Vertreter von Solidaritätsgruppen aus Japan, Frankreich, Deutschland und anderen Ländern. Die Menge wird immer größer. Salah teilt mit, dass viele, die sonst daran teilnehmen, wegen der Olivenernte verhindert seien.

Dennoch sind wir fast 300 Personen. Anders als in Deutschland sehe ich weder Fahnen noch Plakate und ich höre keine Rufe. Lediglich ein Jugendlicher hisst die einzige palästinensische Fahne. Nur der Prediger hält ein Megaphon in der Hand und spricht die Betenden an. Kaum ist das Gebet beendet, werden wir, Ribhi als Sohn der Stadt Ni`lin und ich als Vertreter der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft als Gäste begrüßt und wir dürfen jeweils ein Wort an die versammelten Friedensdemonstranten richten. Dann laufen die Menschen friedlich und schweigend in Reihen auf einem Feldweg Richtung Mauer.

Nach zehn Minuten sind wir nur etwa 100 Meter von der 8 Meter hohen Mauer, die von einem eisernen Tor verschlossen ist, entfernt. Ein Sprecher hält das Megaphon und richtet zunächst ein Gruß an die jüdischen Siedler gegenüber und an die auf uns wartenden israelischen Soldaten. Auf Hebräisch teilt er mit, dass diese Demonstration friedlich sei und dass die Menschen lediglich an ihr Recht erinnern wollen. Es  sei genug und es dürfe keine weiteren Beschlagnahmen von Land und Boden geben. Er erinnert daran, dass der Olivenbaum Bestandteil des Landes sei und dass seine Zerstörung die Zerstörung des Friedens bedeute, den der Baum symbolisiere.

Gerade als der Sprecher sein Statement beendet, werden gleich zwei Soldaten auf der anderen Seite der Mauer auf einem Podest gesichtet. "Jetzt geht es los!" heißt es plötzlich. Ein israelischer Soldat richtet eine Art Gewehr auf und feuert die erste Patrone, aus der eine weiße Wolke strömt, auf die Menge ab. Das Ziel ist klar. Die Demostranten kennen “das Spiel” und reagieren fast instinktiv darauf. Sie teilen sich in zwei Gruppen auf, laufen dem Wind entgegen und lassen das Tränengas möglichst nicht auf sich einwirken. Dann werden zwei weitere Patronen auf die neu gebildeten Gruppen geworfen, die sich in noch kleinere Gruppen aufteilen werden.


Und so wiederholt sich das Spiel, bis es fünf und dann sechs und noch mehr Patronengeschosse gleichzeitig gibt. Zu unserer Erheiterung dreht einmal der Wind in die westliche Richtung, so dass das aus den Patronen strömende Tränengas die israelischen Soldaten selbst erreicht. Gelächter und Jubel sind hörbar! 

Der Jugendliche mit der einzigen Palästinafahne steht plötzlich auf einem alten Stumpf eines einst von jüdischen Siedlern abgeholzten Olivenbaumes und hisst die Fahne umgeben von weißem Rauch. Nur sehr wenige Ausländer tragen eine Gasmaske, viele dagegen schützen Mund und Nase lediglich mit dem palästinensischen Kopftuch. Ich entschließe mich, Aufnahmen von den Ereignissen zu machen. So nehme ich meinen Fotoapparat und laufe Richtung Mauer und ignoriere die Warnungen meiner Nachbarn. Kaum in der Nähe der Mauer angekommen spüre ich einen brennenden Schmerz in den Augen und einen stechenden Reiz in den Atemwegen. Spontan laufe ich mit geschlossenen Augen in die andere Richtung. Hier werde ich von wartenden Männern empfangen, die mir helfen wollen. Ein Mann überreicht mir Blätter eines Strauches, die ich mit den Fingern zerdrücken und an die Nase halten soll. Ich inhaliere das ätherische Öl dieser Blätter und ich spüre eine enorme Verbesserung. Wie hier mit friedlichen Demonstranten umgegangen wird, ist für mich eine Erfahrung, die mich tief berührt hat und die ich nicht missen möchte.

Nach einer weiteren halben Stunde, in der das Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Demonstranten und den israelischen Soldaten fortgeführt wird, kehren die Demonstraten genauso friedlich, wie sie gekommen sind, zurück. Für die nächste Friedensdemonstration gibt es keine Ankündigung, weder Datum, noch Uhrzeit, denn es versteht sich von selbst: Man trifft sich an jedem Freitag an derselben Stelle zur selben Zeit und das seit Jahren! 

 

Nazih Musharbash

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