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Warum ich Israel kritisiere Drucken
Von Alfred Grosser
Quelle: Frankfurter Rundschau 20.2.2007

Ich wurde als Jude von den Deutschen verachtet - und glaubte nach Auschwitz doch an unsere gemeinsame Zukunft. Ich verstehe nicht, dass Juden heute andere verachten und sich das Recht nehmen, im Namen der Selbstverteidigung unbarmherzig Politik zu betreiben. Verständnis für die Leiden der anderen - gilt dieser Grundwert Europas nicht erst recht für Israel? Es ist schon ein Zeichen, dass man sich bei einem solchen Thema ausweisen muss. Ich lege aber sowieso Wert darauf, die biografischen Grundlagen meiner harten Beurteilung der Politik Israels zu zeigen. Ich bin am 1. Februar 1925 in Frankfurt geboren. Beide Eltern und die vier Großeltern waren Juden, mein Vater Kinderarzt, Professor an der Universität, Träger des Eisernen Kreuzes I. Klasse wegen Kriegseinsatz von 1914 bis 1918, Freimaurer, aber Hitler reduzierte seine Identität auf die jüdische.

Mit Frau und beiden Kindern zog er im Dezember 1933 nach Frankreich und starb am 7. Februar 1934 bei Paris. Meine Schwester ist im April 1941 in Südfrankreich an einer Blutvergiftung gestorben, die sie sich bei unserer Radflucht vor den Deutschen zugezogen hatte. Im August 1944 hörte ich BBC in Marseille, wo ich mit falschem Ausweis lebte und erfuhr, dass die ehemaligen Insassen des KZ Theresienstadt nach Auschwitz transportiert worden waren - unter ihnen wahrscheinlich die Schwester meines Vaters und ihr Gatte. Am nächsten Morgen war ich sicher, dass es keine Kollektivschuld gibt, seien die Henker noch so zahlreich und die Verbrechen noch so maßlos. Schon 1937 war meine Mutter mit ihren beiden Kindern französische Staatsbürgerin geworden.

Ich habe Druck verspürt

Bei Kriegsende fühlte ich mich verpflichtet - gerade weil ich ein Überlebender war -, am demokratischen Wiederaufbau des besiegten Deutschlands teilzunehmen. Nicht im Sinne einer "deutsch-französischen Versöhnung". Als ich 1947 als französischer Journalist meine Geburtsstadt besuchte, interviewte ich den Oberbürgermeister Walter Kolb. Er war ehemaliger Buchenwald-Häftling. Ich hatte mich nicht mit ihm zu "versöhnen". Wir hatten eine gemeinsame Verantwortung für die deutsche Zukunft.

Dazu gehörte natürlich die Bekämpfung jeglichen alten und neuen Antisemitismus. Ich habe in Regensburg (im Reichssaal, nicht an der Uni) wenige Tage nach dem Papst gesprochen und warf ihm vor, in seinem Vortrag (wie auch davor in seiner Auschwitz-Rede) kein Wort über den christlichen Antisemitismus, über die Verfolgungen, die Ghettobejahungen, die Verbrennungen gesagt zu haben. Ich erwähne stets die schöne Geste von Friedrich Schorlemmer und seinen Freunden, die in der Lutherstadt Wittenberg eine Auschwitz-Erinnerungstafel errichtet haben - unter der Sau, die an der Kirche die Synagoge darstellt. Und ich zeige, so oft es geht, den Band von Joël und Dan Kotek "Au nom de l'antisionisme" (2003), der eine Sammlung furchtbarer antisemitischer Karikaturen - im Stürmer-Stil - der arabischen Presse enthält.

Aber ich trete auch ständig dafür ein, das Positive zu erwähnen. Zum Beispiel, dass zwei Drittel der Juden in Frankreich nicht deportiert wurden, weil sie von unzähligen nichtjüdischen Franzosen versteckt wurden, u. a. von katholischen und evangelischen Gruppen und Organisationen. Auch in Deutschland gab es viel Hilfe. Ich war froh, im Jahr 2005 das beeindruckende Buch von Konrad Löw "Das Volk war ein Trost. Deutsche und Juden 1933 bis 1945 im Urteil jüdischer Zeitgenossen" in München vorstellen zu dürfen. Daraufhin bekam ich eine Aufforderung von Focus, eine Rezension für das Wochenmagazin zu schreiben. Was ich auch tat. Erschienen ist sie nicht: Ich wurde aufgefordert, den letzten Absatz zu streichen, was ich natürlich ablehnte. Er lautete: "In seiner guten, richtigen, mutigen Beweisführung lässt Löw zwei Fragen beiseite, die der Rezensent doch das Recht hat, klarzustellen. ‚Was bedeutet Feigheit heute?' Eine mögliche und treffende Antwort gibt Rupert Neudeck in seinem jüngsten Buch ‚Ich will nicht mehr schweigen. Über Recht und Gerechtigkeit in Palästina' (2005). Gerade weil so viele Deutsche damals nicht feige waren, darf ein heutiger Deutscher Gefahr laufen, als Antisemit zu gelten, wenn er auf das schlimme Los der Einwohner von Gaza, von Westjordanien oder von Ostjerusalem hinweist. Die andere Frage lautet: ‚Eben weil es die mutige Hilfe für Juden in Deutschland gegeben hat, ist es nicht eine Verpflichtung der heutigen Juden, an das Schicksal anderer Unterdrückter und Verachteter zu denken?' In diesem Sinne handelt ein Mann wie Daniel Barenboim. Oder der Verein ‚Rabbiner für Menschenrechte', dem soeben in Tokio der Friedenspreis der Niwano Stiftung zugesprochen worden ist."

Der Autor

Alfred Grosser, geboren 1925 in Frankfurt am Main, ist Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels. Der Publizist und Politikwissenschaftler lehrte bis zu seiner Emeritierung 1992 am Institut d'études politiques in Paris. Sein jüngstes Buch: "Die Früchte ihres Baumes. Ein atheistischer Blick auf die Christen" (2005). Ber

Die Focus-Zensur war nicht so schlimm wie die Geschehnisse von Frankfurt. Das Buch von Rupert Neudeck sollte dort am 20. Januar 2006 vorgestellt werden. Aber der Evangelische Regionalverband sperrte den zur Verfügung gestellten Kirchenraum der Heilig Geist Kirche, weil er sich von dem Aufruf Arno Lustigers einschüchtern ließ. Dieser hatte seine Freunde aufgefordert, mit "Israel-Fahnen zu dieser verachtungswürdigen Veranstaltung zu gehen und dort für das Existenzrecht Israels und gegen die sich ständig wiederholenden Verleumdungskampagnen dieser eigentümlichen Gestalten zu argumentieren und zu demonstrieren, sowohl vor dem Veranstaltungsort, wie aber auch während der Veranstaltung". Die "Gestalten", das waren Rupert Neudeck, der gerade aus Afghanistan zurückkam, wo er den Bürgermeister der Stadt Herat dazu gebracht hatte, am Erhalt der dort letzten altwürdigen Synagogen mitzuwirken, und der alte KZ-Überlebende Abraham Melzer, der, laut Arno Lustiger, "auf ähnliche unrühmliche Art und Weise immer wieder auf sich aufmerksam gemacht hat".

Ein vaterlandsliebender Franzose

Diesen Druck habe auch ich verspürt, als ich am 22. November 2004 als geladener Experte zehn Minuten bei einer Anhörung sprechen durfte, die ein Bundestagsausschuss organisiert hatte. Der Vorsitzende, SPD-Professor und MdB Gert Weisskirchen, sagte nach meiner Rede, er sei tolerant wie Voltaire, denn er habe mich nicht unterbrochen - während die Vertreter jüdischer Organisationen fragten, warum man mich überhaupt eingeladen hatte. Allerdings hatte ich nicht nur Barenboim und die mutige Journalistin Amira Hass gerühmt, sondern auch den Ausdruck "israelische Kriegsverbrechen" verwendet.

In Deutschland gibt es die besondere Lage, die stets in der Bemerkung gipfelt: "Sie dürfen das sagen." (…) Aber in Frankreich ist es kaum anders. 2005 erschien ein interessantes Buch: Guillaume Weill-Raynal, Zwillingsbruder eines der streitbarsten Mitglieder harter jüdischer Verbände, nannte es "Une haine imaginaire? Contreenquête sur le ‚nouvel antisémitisme'" (Ein eingebildeter Hass? Gegen-Enquete zum "neuen Antisemitismus"). Er analysierte Einstellungen, Beeinflussung der Medien, Seilschaften. Er erwartete herbe Kritik. Doch das Buch ist in keiner Zeitung auch nur erwähnt worden. Meine eigenen negativen Erfahrungen sind leicht darzustellen. Im Juni 2001 forderte die Zeitung Tribune juive ein Dutzend Intellektuelle auf, kurz zu sagen, was man im Nahen Osten tun könnte, um Frieden herzustellen. Ich sagte den Journalisten: "Sie werden meine ganz kurze Antwort nicht bringen." "Wir zensieren? Nie!" Aber mein kleiner Text ist nicht erschienen. Ich schrieb:

1. Ich bin als Judenkind in der Frankfurter Schule verachtet und sogar geschlagen worden. Ich kann nicht verstehen, dass Juden andere verachten.

2. Die Lösung kann nur kommen, wenn die israelischen Behörden endlich echtes Mitgefühl für das Leiden in Gaza und in den "Gebieten" zeigen.

An dieser Stelle eine für mich wesentliche Zwischenbemerkung: Das Verständnis für die Leiden der anderen ist für mich ein Grundwert Europas. Ich habe vergeblich versucht, Erika Steinbach wenigstens von ihrem Stil Polen gegenüber abzubringen, indem ich ihr sagte, sie brauche mich nicht über deutsches Leiden aufzuklären. In meinem ersten Deutschland-Buch, das im Januar 1953 erschien ("L'Allemagne de l'Occident 1945 bis 1952") schrieb ich über die Bombennächte in Hamburg und Dresden und über die Vertreibungen aus dem Sudetenland und aus den Gebieten, die noch deutsch waren. Warum? Weil wir von keinem jungen Deutschen verlangen konnten, das Ausmaß von Hitlers Verbrechen zu verstehen, wenn wir nicht Verständnis zeigten für das Schicksal der Seinen. Ebenso kann man von keinem jungen Palästinenser verlangen, die Opfer der schrecklichen Attentate zu beklagen, wenn das Leiden der Seinen ignoriert wird.

Das andere Erlebnis war mein Austritt aus dem Aufsichtsrat der großen Wochenzeitung L'Express . Die Chefredaktion hatte nur zögernd meine positive Rezension eines israel-kritischen Buches veröffentlicht. In der folgenden Nummer druckte man einen Sturm Leserbriefe, die mich beschimpften. Man hatte sie mir vorher nicht gezeigt und somit eine sofortige Antwort verhindert. Deswegen verließ ich den Aufsichtsrat, aber auch, weil die Berichterstattung über Israel und die Palästinenser nicht gerade ausgewogen war. Der Direktor hatte kurz zuvor seine jüdische Abstammung entdeckt und sagte mir, deswegen könne er doch nicht Israel kritisieren. Ich antwortete, dass ich gerade, weil ich ein echter vaterlandsliebender Franzose geworden war, während des Algerien-Kriegs ständig die französische Politik bekämpft und mit Wort und Schrift Folter, Erschießungen, Dörferzerstörungen gebrandmarkt hatte. Ich war eben nicht auf der Seite des Ministers, der verkündete: "Die Repression wird aufhören, sobald die Attentate aufgehört haben werden", sondern auf der Seite des Erzbischofs von Algier, der schrieb: "Eine einzige schlimme Ungerechtigkeit, der ein Unschuldiger zum Opfer fällt, kann die ganze Bevölkerung eines Dorfes oder eines Stadtviertels zur Verzweiflung und zur Gewalt führen."


Internationale Politik
herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft für auswärtige Politik.

Der komplette Beitrag von Grosser ist im
aktuellen Heft zu finden.
www.internationalepolitik.de


Ähnliches schrieb im Dezember 1996 Alain Finkielkraut in Le Monde unter dem Titel "Israël: la catastrophe". Die neuen israelischen Kolonien, die Beschlagnahmungen, das völlige Unverständnis für die Entmutigung der Palästinenser würden zum bewaffneten Aufstand führen. Für Israel sein bedeutete, dessen Führungsschicht vor den Konsequenzen ihrer unbarmherzigen Politik zu warnen. Derselbe Alain Finkielkraut beschuldigt heute jeden des Antisemitismus, der sich so äußert wie er vor zehn Jahren.

Glücklicherweise gibt es auch entgegengesetzte Haltungen. In Brüssel erscheint Regards, die Monatszeitschrift des Vereins liberaler Juden. Sie stellte jüngst die Frage, die Kain an Gott nach dem Tod Abels richtet: "Bin ich der Hüter meines Bruders?" Der Leitartikel von Regards antwortet, man trage auch Verantwortung für den feindlichen Bruder, vor allem denen gegenüber, die vergessen haben, dass der Feind auch die Züge des Säuglings, des Kindes, der Frau, des Greises haben kann, die hungern.


Ort des Friedens

In Berlin besteht das Abraham-Geiger-Kolleg für die Ausbildung von Rabbinern. Es hat mir 2004 seinen Preis verliehen (…) und mir so erlaubt, in meiner Dankesrede sehr offen zu sprechen. Der Friedenspreis des deutschen Buchhandels wurde der jüdischen Amerikanerin Susan Sontag verliehen, die 2003 das Buch "Das Leiden anderer betrachten" veröffentlicht hatte.

In Israel selbst erheben sich nicht wenige Stimmen in dieser Richtung - etwa die von Uri Avnery oder von Amos Oz. Am ergreifendsten war wohl die Trauerrede, die David Grossmann im August 2006 am Grabe seines gefallenen Sohnes Uri gehalten hat. Darin heißt es: "Uri mit einer tiefen Empfindsamkeit für alles Leid und alles Unrecht. In unserer zerrissenen und grausamen und zynischen Welt ist es nicht ‚cool', idealistisch zu sein. Oder ein Humanist. Oder wirklich sensibel zu sein für die Not des anderen, auch wenn der andere ein Feind auf dem Schlachtfeld ist."

Meinte Bundespräsident Horst Köhler nicht Ähnliches, als er in seiner Rede vom 1. Februar 2006 vor der Knesset sagte: "Die Würde des Menschen zu schützen und zu achten ist ein Auftrag an alle Deutsche. Dazu gehört, jederzeit und an jedem Ort, für die Menschenrechte einzutreten"? Oder der Oberbürgermeister von München, der am 9. November 2006 bei der Einweihung der schönen, beeindruckenden neuen Synagoge sagte, dies möge "ein Ort des Friedens (sein) - von draußen und von drinnen, für alle Religionen, alle Rassen, alle Nationen"?


Zweifelhafte Methoden

Das alles als langer Vorspann zur Betrachtung der furchtbaren Grundeinstellung heutiger israelischer Politik. Es geht nicht nur um Grundeinstellungen, die 68 Prozent der von Haaretz Befragten antworten lassen, sie möchten nicht im selben Hause leben wie ein Araber. Noch um die Bedeutung des Eintritts eines Avigdor Liebermann in die israelische Regierung. Es geht zunächst um alte, grundsätzliche Probleme. Muss man nicht zwei arabische Fragen ernst nehmen und sie, wenn auch umständlich, beantworten: "Warum sollen wir harte Konsequenzen für Auschwitz tragen?" und "Warum dürfen unsere Flüchtlinge und Vertriebene nicht zurückkehren, wenn doch die Juden sich auf den Anspruch berufen, nach zwei Jahrtausenden zurückzukehren?"

Natürlich sind die heutigen palästinensischen Vertriebenen in der großen Mehrzahl Kinder und Enkel der ehemaligen Flüchtlinge. Ebenso wie die Mitglieder der Sudetendeutschen Landsmannschaft immer weniger Vertriebene sind, obwohl das deutsche Gesetz ihnen diese Eigenschaft zuerkennt. Der Unterschied ist, dass die Bundesrepublik alles getan hat, um einzugliedern und somit jeden Anspruch auf Rückkehr zu unterbinden, während die arabischen Staaten die palästinensischen Mitglieder der viel gerühmten "arabischen Nation" absichtlich in Lagern gelassen haben, um den Anspruch auf Rückkehr aufrechtzuhalten. Dies macht jedoch den Willen, Israel für alle Juden der Welt offen zu halten, nicht weniger erklärungsbedürftig.

Es muss auch bewiesen werden, warum Israel das Recht hat, zu Methoden zu greifen, die anderswo verurteilt wurden oder werden. Am 17. Dezember 2006 hat das Oberste Gericht in Jerusalem entschieden, "gezielte Tötungen" von Terroristen verstießen nicht gegen israelisches und internationales Recht. Hätte die Bundesrepublik 1952 Waffen besessen, wäre sie berechtigt gewesen, Menachem Begin zu töten, der das Attentat gegen Konrad Adenauer im Juli jenes Jahres organisiert hatte? Allerdings geht es in Gaza und den "Gebieten" um den Schutz der jüdischen Bürger Israels. Sollte Israel nicht die Einschränkung von Paulus im Korintherbrief wahrnehmen: "Alles ist erlaubt, aber nicht alles baut auf"? Das gilt für die Mauer. Das gilt für Gaza. Das gilt für den Libanon. (…)

Ist die Grundfrage aber nicht eine andere? Backmann zitiert den entscheidenden Satz eines Leitartikels, der am 28. Juli 2006 in Haaretz erschienen ist: "Die Gewalt ist das Problem. Nicht die Lösung." Die Gewalt, die immer mehr nichtjüdische israelische Bürger, immer mehr Palästinenser und so viele Libanesen in die Arme des Terrorismus wirft, so viele verzweifelte Jugendliche der Indoktrinierung aussetzt und sie zum selbstmörderischen Attentat verführt. Um dies zu erkennen, müsste es eine moralische Wende geben - in Israel und auch außerhalb Israels.

Was Letzteres bedeutet, möchte ich anhand zweier Beispiele erklären. Am 4. Mai 2006 hat die "Union juive française pour la paix" (Französischer jüdischer Verband für den Frieden) in einem Kommuniqué das "Consistoire israélite" und den CRIF (entspricht ungefähr dem Zentralrat in Deutschland) hart angegriffen. Zuvor hatte es am 29. April eine große Kundgebung gegen die neuen, ziemlich menschenverachtenden Immigrationsregelungen gegeben. Die christlichen Kirchen waren offiziell dabei, der Rektor der Pariser Großmoschee auch. Es fehlten allein die jüdischen Organisationen - es war ja keine Kundgebung gegen den Antisemitismus!


Moralische Wende

Das zweite Beispiel betrifft einen Absatz am Schluss meines Buches von 1989 "Le crime et la mémoire" (zunächst mit falschem Titel bei Hanser "Ermordung der Menschheit" erschienen, dann richtig bei dtv "Verbrechen und Erinnerung"). Ein Absatz, der mir den Zorn Elie Wiesels zuzog. Dieser hatte in seiner Rede bei der Feier zu seinem Friedenspreis gesagt, er hätte nicht verstehen können, dass nach dem Krieg nicht die ganze Welt auf Auschwitz geblickt habe. Ich schrieb: "Warum sollte eine kurdische Familie, die mit Verbrennungen am Körper und ihren toten Kindern in den Armen einen Gasbombenangriff überlebte, den Versuch, die Juden auszurotten, bedenken? Hingegen müsste das Andenken an Auschwitz jeden Juden dazu veranlassen, sich um das Schicksal der Kurden zu sorgen" (die Gasangriffe Saddam Husseins wurden 1988 durchgeführt).

Noch einmal: Es geht gegen die Selbstbezogenheit, gegen die Moral der nur der eigenen Gemeinschaft geltenden Solidarität, und für das Verständnis des Leidens der anderen, für eine Definition des Nächsten, die jeden Menschen umfasst. Der verstorbene Bundespräsident Johannes Rau hatte in seiner Antrittsrede darauf hingewiesen, dass es im Grundgesetz heißt "Die Würde des Menschen ist unantastbar" - und nicht "des deutschen Menschen". Das sollte auch für den jüdischen gelten. Es ist sicher naiv zu glauben, dass heute auf beiden Seiten eine neue Einstellung möglich ist. Aber ich gehöre nun einmal zu den "schönen Seelen", die ein französischer Minister während des Algerien-Kriegs verhöhnte, weil wir glaubten, dass ein gegenseitiges Verstehen noch möglich sei. Er glaubte an den Sieg - und Frankreich hat am Schluss vor der FLN kapituliert.

Wie oft und wie heftig bin ich von nach Amerika ausgewanderten Kollegen meines Vaters und anderen jüdischen Kreisen beschimpft worden, weil ich überzeugt war, es müsse und könne ein demokratisches freiheitliches Deutschland aufgebaut werden. Aber so ist es gekommen! Wenn auch das arabisch-israelische Gegeneinander immer heftiger, immer verständnisloser wird, sollten wir nicht Ruhe geben. Wir dürfen nicht an der Zukunft verzweifeln, auch wenn es immer stärkere Gründe für den Pessimismus gibt.






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