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Von Sheik Jarrah nach Sheik Munis Drucken
Auf der Kuppe eines Hügels wenige Meter von einer Stelle, wo jetzt ein Haus steht, gab es einmal einen Bewässerungsteich für den Zitrushain eines Dorfes. Ich schwimme jeden Morgen im Gemeinde-Swimmungpool, der auf den Ruinen des Dorfbewässerungsteiches gebaut wurde. Die palästinensischen Jaffa-Orangen wuchsen einst hier in einem nun nicht mehr vorhandenen Hain. Jetzt steht mein Haus dort. Das Land wurde „erlöst“, wie die Landaneignung in der zionistischen Propaganda genannt wurde.
Im Falle von Sheikh Munis wurde es mit Gewalt „erlöst“ und Tel Avivs  Stadtteil Ramat Aviv wurde hier gebaut, einschließlich der Tel Aviver Universität, einer prächtigen akademischen Institution auf den Ruinen eines Dorfes, dessen 2230 Bewohner umzingelt und bedroht wurden. Sie flohen, um nie wieder zurückzukehren.

Alles was  von dem großen Dorf geblieben ist, ist Habayit Hayarok ( jetzt Konferenz und Party-Centrum) , noch ein Haus an der Levanonstraße und der Friedhof, der vernachlässigt am Rande des Parkplatzes einer beängstigenden Regierungseinrichtung liegt – Zutritt für Unberechtigte verboten. Natürlich gibt es weder ein Denkmal noch sonst ein Monument für das Dorf, das von der Erdoberfläche entfernt worden ist– eines von 418.

Vielleicht lebt die Familie des Bauern, der einst das Land pflügte, auf dem mein Haus steht, nun in großer Armut in einem Flüchtlingslager. Nach dem israelischen Rechtssystem hätte sie das Recht, das Land sofort zurückzubekommen, mein Haus zu zerstören, zurückzukehren, auf seinen Ruinen wieder Jaffa-Orangen anzubauen und zu exportieren und mich wenn nötig mit Gewalt zu vertreiben.  Der Jerusalemer Gerichtshof, der vor kurzem  bestimmte, dass Vertreter des sephardischen Gemeindekomitees das Recht habe, die Wohnungen der Harun-und Gawi-Familie in Ost-Jerusalems Vorort Sheik Jarrah zurück zu nehmen, öffneten die 1948-Akte. D.h, wenn Israel ein egalitäres System von Recht und Gerechtigkeit hätte, wenn das Rechtssystem fair wäre, dann würden Millionen von Palästinensern dem Gericht applaudieren und vor Freude über die Entscheidung in den Straßen demonstrieren. Der Weg zur Gerechtigkeit, 1948 abgelehnt, ist nun für jeden geöffnet. Von jetzt an werden Juden und Araber in der Lage sein, die Wiederherstellung ihres Besitzes zu verlangen. Die Rückkehr wird angeboten – mit dem Rückhalt des israelischen Rechtssystem.

Aber leider ist dem nicht so. Das Gericht, das das Schicksal der beiden palästinensischen Familien besiegelt hat und extremistischen Siedlern erlaubte, an ihrer Stelle dort zu leben, hat noch einmal den wahren Zustand der Rechtsregeln in Israel offen gelegt: rassistisch und die Anwendung von Doppelmoral, also ein getrenntes Rechtssystem für Juden und Araber.
Vielleicht sollten wir dem Gerichtshof für seine skandalöse Entscheidung danken, die nicht nur eine gerechtfertigte internationale Welle des Protestes gegen Israel auslöst, sondern auch sein wahres Gesicht enthüllt. „Es gibt Richter in Jerusalem,“ wie Menachem Begin einmal sagte; und sie machten es offiziell: Apartheid. Besitzrechte gibt es nur für Juden.

Die Entfernung zwischen Sheikh Jarrah und Sheikh Munis wurde mit einem Schlag verkürzt. Jene, die darum kämpfen, dass Juden ihr Eigentum zurückgegeben wird, können nicht im selben Atemzug den Palästinensern ihre Eigentumsrechte wegen ihres nationalen Ursprungs verweigern. Es stimmt, dass ein System strenger Gesetze und Regelungen den Palästinensern verweigert, was Juden erlaubt ist. Alle vernünftigen Israelis müssten sich nun selbst fragen, ob es díeses System von Gerechtigkeit und Gesetz des „jüdischen“ Staates ist, in dem sie leben wollen.

Es ist unmöglich, die Ungerechtigkeiten von 1948 zu ignorieren, während Hunderttausende von Flüchtlingen in den Lagern dahinvegetieren. Kein Abkommen wird haltbar sein, wenn es keine Lösung für ihr Elend gibt, die durchführbarer ist, als Israels  lautstarke Panikmacher denken lassen. Aber offizielle Entscheidungen wie die augenblicklichen machen es schwerer, zwischen Sheikh Jarrah und Sheikh Munis  klar zwischen der Eroberung von 1948 und den Eroberungen von 1967 zu unterscheiden. Mein Haus steht auf mit Gewalt gestohlenem Land, und es wäre die Verpflichtung Israels und der Welt, diese Ungerechtigkeiten wieder gut zu machen, ohne neue Ungerechtigkeiten zu schaffen und neue Vertreibung. Mein Haus steht auf gestohlenem Land, aber die ganze Welt hat das Recht der Juden anerkannt, hier ihren Staat zu errichten. Gleichzeitig hat aber kein Land der Welt Israels Recht, auch Sheikh Jarrah zu erobern, anerkannt.
Bei meinem  morgendlichen Nachsinnen auf dem Weg zum Swimmingpool denke ich zuweilen an die früheren Besitzer. Ich sehne mich nach dem Tag, an dem Israel die moralische  und materielle Verpflichtung für die Ungerechtigkeiten auf sich nimmt, die es den Flüchtlingen angetan hat. Wegen der Gerichtsentscheidung mag jetzt mein Recht, hier zu schwimmen, auch zweifelhaft sein.
Gideon Lewy, Haaretz, am 6.3.09
(dt. Ellen Rohlfs)


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