Palästina Journal
Home
Hintergrundberichte
Kommentare
Stellungnahmen
Aufrufe
Zahlen & Fakten
Buchtipps
Features & Interviews
Palästina-Journal (PDF)
DPG
Über uns
Kontakt
Regionalgruppen
Mitglied werden
Impressum
Services
Veranstaltungskalender
Info-Service
Gästebuch
Links
 
Zu FAZ 22.07.2008, S. 7: Ein Kampf für Sicherheit und Frieden, von Shimon Stein Drucken

Der FAZ-Artikel des früheren israelischen Botschafters in Deutschland Shimon Stein basiert auf einer längeren Rede, die er am 24. Juni im Landtag von Baden-Württemberg hielt. Es geht um die Staatsgründung Israels im Mai 1948, dem Geburtsjahr Steins, und es geht um Steins Herkunft und die Entwicklung Israels bis heute, wobei alle zentralen Themen angesprochen werden. Fast alle. Zum Krieg von 1948 lesen wir: "630 000 Juden lebten bei Kriegsausbruch in Israel, 100 000 von ihnen waren Überlebende. Sie wurden von der gesamten arabischen Nachbarschaft und dem Irak angegriffen." Wenn man es so darstellt, fehlt dem Leser bzw. Zuhörer die Information, dass jüdische Verbände aus Haganah, Irgun, Palmach und anderen militärischen Gruppen seit Dezember 1947 die systematische Zerstörung der vorgefundenen Dörfer betrieben haben, beginnend mit den Überfällen auf die Dörfer Deir Ayyub und Beit Affa südöstlich von Ramla und endend mit der Ausführung von "Plan Dalet", der am 10. März 1948 beschlossen wurde und der die Vernichtung von 530 Orten und Dörfern zur Folge hatte sowie etwa 750.000 Flüchtlinge und viele Getötete und Gefolterte. Ohne diese Informationen versteht man den ganzen Konflikt nicht.

Auch das Abkommen zwischen König Abdullah von Jordanien und Ben Gurion bleibt unerwähnt, obwohl man ohne das Wissen darüber die Ereignisse nicht verstehen kann. Abdullah bekam die Westbank und ließ dafür die jüdischen Armeen gewähren. Er hatte nach den jüdischen Truppen (die von der TschechOslowakei mit Waffen versorgt wurden bei gleichzeitigem Waffenboykott gegen arabische Länder) die stärkste Armee in der Region. Die meisten Kämpfe zwischen jüdischen und arabischen Soldaten betrafen das Gebiet, das die UNO den Palästinensern zugedacht hatte und Israel hatte fast doppelt so viele Soldaten. Die arabischen Truppen kamen spät und sehr zögerlich, da sie wussten, dass sie den Krieg verlieren würden.

Als Hauptgrund für den Nahostkonflikt führt Stein die Ablehnung des UNO-Teilungsplans von 1947 seitens der arabischen Staaten an. Die Gründe für diese Ablehnung seien "unklar" gewesen. Stellt man jedoch einer Gesellschaft die Frage: "Wollt ihr die Hälfte eures Landes abgeben, damit Neueinwanderer sich darauf einen Staat bauen können?" wird es kaum überraschen, wenn die betreffende Bevölkerung ein solches Ansinnen ablehnt. Das Hauptproblem war aber nicht der Teilungsplan, es waren vielmehr die ethnischen Säuberungen. Sie betrafen ja nicht einmal nur das Gebiet, das den Juden zugesprochen wurde - ob zu Recht oder zu Unrecht -, sondern auch das Gebiet, das für den palästinensischen Staat vorgesehen war. Das nördliche Dreieck zwischen Nazareth, Akko und Safad etwa, das an den Libanon grenzt, war von der UNO den Einheimischen zugesprochen worden. Es wurde im Rahmen von Plan Dalet weitgehend entvölkert. Im Gebiet westlich von Jerusalem war es genau so. Selbstverständlich stellen die Säuberungsaktionen auch im jüdischen Teil des Landes einen Menschen- und Völkerrechtsbruch dar; dem wird jedoch im UNO-Dokument des Teilungsplans ausdrücklich Rechnung getragen. Obwohl die UNO für die Überwachung der Teilung verantwortlich war, ließ sie die ethnische Säuberung allerdings zu. Wie kommt es, dass all diese Gebiete gegen Recht und Gesetz genommen werden konnten und dass dies bis heute ignoriert werden kann? Die Briten haben Vieles im  Detail vor Ort mit angesehen und auch die UNO-Beobachter haben alles genau registriert. Mit den heute zugänglichen Quellen kann man die Ereignisse sehr genau rekonstruieren, siehe auch den systematischen Ansatz von www.palestineremembered.com.
 
Steins Mutter, Tante und Großmutter versuchten nach dem Krieg nach Chernowitz (heutige Ukraine) zurückzukehren. "Zu ihrer Überraschung aber fanden sie ihr Haus besetzt vor." Diese Episode aus seinem eigenen Leben sollte Anzeichen  dafür sein, dass Herr Stein hinreichend für die Problematik sensibilisiert ist, denn genau so erging es Zehntausenden Palästinensern im Anschluss an Plan Dalet. Ist das, Herr Stein, Ihre Vorstellung von einem "Kampf für Sicherheit und Frieden"? Sie sprechen von "überragenden Sieg" Israels 1967, vom "einmaligen Angebot" Baraks in Oslo und dem "einseitigen und bedingungslosen Rückzug" aus dem widerrechtlich besetzten Gazastreifen, in dem gegenwärtig bereits mehr als 200 Menschen wegen der Blockade ihr Leben verloren haben - und das alles sagen Sie vor dem Hintergrund der Nakba-Leugnung. Wie sollte man dies anders deuten denn als eine Propagandarede?
 
Der Feind ist klar: Neben den Nazis sind das die Hamas, "deren Ziel es ist, Israel durch Terror zu vernichten", der Iran, dessen "unaufhaltsames Streben" es sei, "Atomwaffen herzustellen". Aber auch die "arabische Minderheit, die etwa zwanzig Prozent der Bevölkerung ausmacht": "Für sie kann Israel erst dann ein demokratischer Staat sein, wenn er auf seinen jüdischen Charakter verzichtet." Dieser "jüdische und demokratische Charakter des Staates" wird mehrfach in Steins Rede betont; in den Augen vieler intelligenter Menschen stellt er einen Widerspruch in sich dar. Herr Stein bringt es fertig, Israel als "gleichberechtigtes Mitglied der Vereinten Nationen" zu betrachten und gleichzeitig zu verschweigen, was die Vereinten Nationen seit 1948 von Israel fordern: Rückkehrrecht der Flüchtlinge, Entschädigung und Rückgabe der besetzten Gebiete. Es ist ein Wahn zu denken, man könne all dies übergehen, nur um die Interessen einer exklusiven Gruppe zu fördern. Unverbesserlich klingt daher dieses Fazit Steins: "60 Jahre Israel - das sind 60 Jahre Streben nach Sicherheit und Frieden, und zwar in dieser Reihenfolge und nicht umgekehrt. Jenseits der politischen Meinungsunterschiede über eine Lösung des Konflikts sind wir Israelis uns darin einig, unsere Stärke und unsere Abschreckungsfähigkeit als Garant für unsere Existenz einzusetzen." Wer hier nicht merkt, was den Konflikt am Leben hält, der hat selbst Schuld.

Der FAZ-Artikel:
http://www.faz.net/p/Rub0FA9A4B1B13749AC97BC3B6889482661/Dx1~EBC3F2FA4465AB01932486670D04290A7~ATpl~Ecommon~Scontent.html

(30.07.2008, Anis Hamadeh für DPG)

< Zurück   Weiter >
 
Spendenaufruf
Veranstaltungskalender
29.03.17 -
The Wall - Bilder aus Pslästina
27.04.17 -
Film mit Diskussion "We Are Here"
09.05.17 -
Lesung: Während die Welt schlief
10.05.17 -
Während die Welt schlief
18.05.17 -
Die Ohnmacht der Mächtigen, wie geht die Weltgemeinschaft, insbesondere Europa ...
06.06.17 -
Klavierspieler von Yarmouk
06.06.17 -
Gedichte und Lyrik von Mahmud Darwish
12.06.17 -
Antisemitismus und Antisemitismusdebatten - Reflexion statt Reflexe
KOPI - Online
Nakba-Ausstellung

© 2017 DPG e.V.