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Kommentar Galinski Drucken
Betr: Leserbrief zu Süddeutsche Zeitung, "Außenansicht" von Ilan Mor, v. 15.05.2008
Von Evelyn Hecht-Galinski, Malsburg-Marzell, 16. Mai 2008

Also sind die Palästinenser selbst schuld an ihrem Unglück. Diese mir wohl bekannte Terminologie macht mich, gerade als deutsche Jüdin, sehr betroffen. Ich vermisse die Anerkennung der Schuld der Vertreibung von über 700.000 Arabern anlässlich der israelischen Staatsgründung und des Beginns der ethnischen Säuberung schon lange vorher. Systematisch nach Plan und mit Hilfe der noch von den Briten trainierten jüdischen Truppen und zionistischen Terror-Untergrundbewegungen, z.B. Irgun unter Benachim Begin, wurde das Volk der Palästinenser entrechtet, verjagt, an ihnen Massaker begangen und Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Die ersten zionistischen Pioniere kamen als Volk ohne Land in ein Land ohne Volk - eine große Fehleinschätzung, die bis heute nicht revidiert wurde. Schon David Ben Gurion sprach sich im Juni 1938 auf einer Sitzung der Jewish Agency für eine Zwangsumsiedlung der Bevölkerung in Palästina aus, um zu gewährleisten, dass der neue Staat ausschließlich jüdisch sei. Die ethnische Säuberung Palästinas begann und setzt sich bis heute fort. Schon der Begriff "jüdischer Staat" und der Mythos "einzige Demokratie im Nahen Osten" sind sehr aussagekräftig. Israel ist eine Ethnokratie, nämlich eine Demokratie nur für Juden. Der Staat Israel, der bis heute keine offiziellen Grenzen angibt und laut zionistischer Staatsideologie so weiter ungehemmt expandieren kann, ein Staat, der eine Annexionsmauer tief in palästinensische Gebiete gebaut hat, und damit die Lebensgrundlagen der besetzten palästinensischen Bevölkerung mit Füßen tritt, seit Annapolis ungebremst mehr denn je siedelt trotz gegenteiliger Vereinbarungen, wird von der Weltgemeinschaft hofiert. Die UNO-Resolution 242 wurde im November 1967 ohne amerikanisches Veto angenommen und besagt, dass Landerwerbe durch Kriege völkerrechtswidrig sind. Würde die Mauer also wirklich nur der Sicherheit Israels dienen, dürfte sie nur innerhalb der Grenzen von 1967 stehen. Israelische Araber und Palästinenser werden nach wie vor als Menschen zweiter Klasse behandelt und haben keineswegs dieselben Rechte wie jüdische Israelis.

Wer oder was hindert Israel daran, sich auf die Grenzen von 1967 zurückzuziehen und die von der internationalen Gemeinschaft geforderte Zweistaatenlösung zu verwirklichen? Warum verweigert Israel den Palästinensern die minimalen 22% des historischen Palästina, auf denen sie ihren unabhängigen Staat errichten wollen - Gazastreifen und Westjordanland mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt? Weil Israel inzwischen einen Flickenteppich-Apartheidstaat mit Hunderten von Checkpoints, Großsiedlungen und kleinen Kantonen errichtet hat. Schon die israelische Menschenrechtsorganisation B'Tselem verglich den Ausbau eines parallelen Straßensystems nur für Juden mit dem Apartheidsregime Südafrika. In beiden Fällen haben die Regime versucht, den Rest der Welt von ihrer absurden Logik zu überzeugen, dass die Schuld für die vom Staat begangene Gewalt bei den Opfern dieser Gewalt liegt. Das südafrikanische und das israelische Apartheidsregime sind beste Beispiele dafür, wie Menschenrechts verletzende Staaten versuchen sich reinzuwaschen, indem sie die Schuld den Opfern zuschieben. Wie sollen denn politisch-administrative und wirtschaftliche Strukturen in den Palästinensergebieten entstehen, wenn diese ständig von Israel verhindert oder zerstört werden? "Der Gazastreifen wurde geräumt" - als verbrannte Erde, aber Israel hat weiter die Hoheit über die Grenzen, die Wirtschaft und den Luftraum.

Das Elend der in einem Megagefängnis lebenden 1,5 Mio Palästinenser ist beispiellos und wurde auch schon von mehreren UNO-Kommissaren so bezeichnet, obwohl wir Europäer für die Versorgung des Gazastreifens zahlen. Zynisch ist von Herrn Mor, die Situation im Gazastreifen als medienwirksame Inszenierung zu bezeichnen. Eine demokratisch gewählte Hamas-Regierung wird dämonisiert und durch die Totalblockade radikalisiert, die sofort aufgehoben werden muss. Dadurch haben wir die ewige Spirale von Gewalt und Gegengewalt. Statt Israel in blindem Vasallentum zu hofieren, sollten wir gerade im Angesicht unserer gemeinsamen Geschichte bei Menschenrechtsverletzungen nicht wegschauen und Druck auf die isrealische Regierung ausüben. Schon Hanna Arendt sagte, Menschenrechte sind unteilbar. Auch wenn Ilan Mor die Vergangenheit der Staatsgründung aus gutem Grund ruhen lassen möchte, zögern israelische Regierungen nicht, Millionen jüdischer Holocaustopfer in zynischer Weise zu missbrauchen, indem sie sie dazu benutzen, jede Verurteilung und jede Kritik an den illegalen Praktiken in den besetzten Gebieten zu unterdrücken. Die Instrumentalisierung haben die Holocaustopfer, die sich gegen diese Vereinnahmungen nicht mehr wehren können, nicht verdient! Ich- als Tochter Holocaustüberlebender - möchte mich gegen diese Art der Vereinnahmung verwahren.

Die 22.000 schwarzen Luftballons, die die palästinensische Autonomiebehörde für jeden Tag seit der Staatsgründung symbolisch in den Himmel steigen ließ, hoffe ich noch als weiße Luftballons für einen lebensfähigen, gerechten Palästinenserstaat in den Grenzen von 1967 zu erleben, auch wenn mir das sehr visionär erscheint.

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